Bereits 2013 begann für mich der eigentliche Arbeitsprozess an dem Projekt ICH HAB VON DIR ERZÄHLT. Ich stellte mir die Frage, wie weit die unbegrenzten Möglichkeiten der Selbstverwirklichung, die uns in unserer privilegierten Gemeinschaft immer wieder propagiert werden, sowohl Werkzeug als auch Fluch für meine Identitätsgestaltung sind. Ich glaube, dass durch diese große selbstbestimmte Freiheit in meinem Leben, gesellschaftliche Hierarchieren verschwinden und ich dadurch unterstützt werden in den fundamentalen Wesenszügen des Menschen – nach dem Streben nach Freiheit und Gerechtigkeit. Aber bin „ich“ wirklich so frei und unabhängig in meinen Entscheidungen?

In der Figur der biblischen LILITH – Adams erste Frau, die aus dem Paradies vertrieben wurde, weil sie den Anspruch auf Emanzipation erhob – fand ich für mich eine interessante Beschreibung dieser Ambivalenz gesellschaftlicher Moralvorstellungen. Vertrieben und nirgends Zuhause, findet LILITH schließlich erst in der kargen Wüste bei Schakalen und Dämonen ein Platz zum leben. Es geht dabei für mich um die Frage, wie viele Zugeständnisse ein Individuum in einer Gesellschaft eingehen muss, um sich integriert zu fühlen. Wie viel Selbstbestimmung kann ich mir erlauben? Welche Rolle spielt meine unmittelbare Gemeinschaft bei meiner Suche nach Identität? Und warum ist das ständigen Rechtfertigen vor den Anderen wichtiger als vor sich selbst? Liegt es an den Zwängen der Gesellschaft oder haben wir schlicht und ergreifend die Fähigkeit verloren, auf unsere innere Stimme zu hören?

Um diese komplexen Fragen für mich zu beantworten, stellte ich fest, dass ich die Ebene der Rationalität durchbrechen müsste, um meine Gedanken und Ideen, auf eine sinnlichen Weise zu hinterfragen. Die Entwicklung eines Drehbuchs am Schreibtisch erschien mir deshalb zunehmend als unpassendes Vorgehen für meine Bestrebungen. Ich entschied mich den Film in einer Mischform aus Improvisation, Dokumentation und narrativem Spielfilm zu entwickeln. Einer der wesentlichen Gründe für den Einsatz von Improvisation im narrativen Film war dabei für mich, dass ich als Autor, als alleiniger Konstrukteur des Sinns abgelöst werde, von einer Pluralität an Stimmen und Meinungen. In der permanenten und offenen Auseinandersetzung am Set entwickelte sich nach und nach bei allen Stab- und Teammitgliedern ein Bewusstsein und eine Sensibilität für meine Gedanken und Fragen. Der Drehprozess erhielt bei uns infolge mehr den Charakter eines ergebnisoffenen Experiments und einer weiterführenden Diskussion. Wir begaben uns an die Motive und suchten dort die direkte Auseinandersetzung mit unserer Umwelt. Ich verstand unser Vorgehen als einen organischen Prozess, bei dem wir immer die Bereitschaft hatten, auf unvorhersehbare Geschehnisse und Veränderungen zu reagieren. Ein eigens auferlegtes Credo/Manifest, zwang uns während des Drehs, der tatsächlichen Wirklichkeit möglichst wenig hinzuzufügen oder sie zu verzerren, sondern forderte von uns stattdessen Tiefenstrukturen in dem Leben unserer Figuren freizulegen.

Die wesentliche Erkenntnis, die ich aus der Produktion meines Films ICH HAB VON DIR ERZÄHLT gewonnen habe ist, dass für mich oft im Zufälligen und Nebensächlichen die eigentlich authentische und künstlerische Kraft verborgen liegt. Die schwer in Worten zu beschreibende Einsamkeit der Figur LILITH, die nach etwas Sinn stiftendem in ihrem Leben sucht, findet für mich insbesondere in dem nicht Erzähltem – in den Leerstellen des Spiels – seinen besten sinnlichen Ausdruck.

Christoph Otto